Seelsorgeeinheit Sankt Maria / Heilig Geist
in Weingarten/Württ.

Geistliches Wort

„Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“

Mit diesen Worten des Jesus von Nazareth beginnt das Evangelium in den katholischen Sonntagsgottesdiensten an diesem Wochenende. Dass Menschen manchmal allen Grund haben, sich vor anderen zu fürchten, sei es aus Habgier, Eifersucht oder anderen niedrigen Beweggründen, das wissen wir. Und Tag für Tag erreichen uns Nachrichten, wie Menschen in vielen Ländern etwa wegen ihres Aussehens, ihrer politischen Einstellung, ihrer Volkszugehörigkeit, ihres Geschlechts oder ihres sozialen Status diskriminiert und angegriffen werden. Bei uns weniger im Blick ist die Tatsache, dass weltweit gesehen auch sehr viele Menschen wegen ihres Glaubens und ihrer Weltanschauung verfolgt werden. Wer denkt, Christenverfolgung sei ein Phänomen besonders der ersten 300 Jahre Christentum gewesen, sieht sich von steigenden Zahlen ernüchtert. Nach aktuellen Schätzungen sind in den 50 Ländern mit der stärksten Verfolgung rund 260 Millionen Christen einem hohen bis extremen Maß an Verfolgung ausgesetzt. Allen diesen Ländern ist gemeinsam, dass Christen dort eine Minderheit darstellen. Verfolgt werden oftmals diejenigen, die von der Mehrheits- oder Stammesreligion zum Christentum übergetreten sind. Gefährlich wird es für Christen ebenso überall dort, wo das christliche Ethos von der Würde aller Menschen, von Freiheit und Geschwisterlichkeit und das christliche Ideal der Nächstenliebe der Staatsdoktrin ein Dorn im Auge ist.  
Gegen Ende des 1. Jahrhunderts, als der Evangelist Matthäus seine Jesusgeschichte verfasste und den Aufruf Jesu zur Furchtlosigkeit vor den Menschen niederschrieb, wussten Christen um die Gefahr sich im Glauben zu Christus zu bekennen. Immer wieder erlebten sie, wie schnell die Stimmung gegen sie umschlagen konnte und wie sie für Krisen und Katastrophen verantwortlich gemacht wurden. Dass Minderheiten und Schwachen in Krisensituationen welcher Art auch immer die Schuld angelastet wird, zeigt nicht nur der Blick in die Geschichte. Es ist auch ein Phänomen und Übel unserer Zeit. Oftmals geschieht es, wenn es darum geht, von der Wahrheit abzulenken und Machtpositionen zu erhalten.  
„Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“ Und man müsste den Aufruf Jesu ergänzen: … vor Menschen, die die Wahrheit zu unterdrücken versuchen, vor Menschen, die die Schuld bei Minderheiten suchen, vor Menschen, die Angst haben, ihren Einfluss und ihre Macht zu verlieren, wenn Gerechtigkeit für alle eingefordert wird. Fürchtet euch nicht vor ihnen, denn sie haben Angst vor der Wahrheit und dass diese ans Licht kommt. Deshalb der Appell Jesu: „Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern.“ Und bei alle dem seine Zusage bei denen zu sein, die ihm vertrauen, ihm, der von sich sagt, Wahrheit, Weg und Licht der Welt zu sein.
 
Text: Artur Sontheimer, Seelsorgeeinheit St. Maria und Heilig Geist