Seelsorgeeinheit Sankt Maria / Heilig Geist
in Weingarten/Württ.

Geistliches Wort

Es knospt unter den Blättern

Jeden Herbst neu, begeistern mich die bunten Farben in den Gärten und auf den herabfallenden Blättern. Der Sommer geht nicht einfach übergangslos in den Winter über, sondern es ist, als ob die Natur sich für den Winter noch einmal richtig verausgaben würde, als ob sie den Winter mit allem begrüßen würde, was sie noch zu bieten hat. Manche Blätter bleiben braun am Baum hängen. Viele Bäume aber legen ein buntes Festgewand an, leuchten rot, orange, gelb...und erfreuen dadurch mein Herz. Ich weiß, dass die Bäume auf diese Weise die Nährstoffe aus den Blättern zurückziehen und in den Ästen, im Stamm in den Wurzeln einlagern - als Vorbereitung zur kalten Winterruhe. Andere Blätter, z.B. bei Buchen und Eichen vertrocknen am Ast, weil der Baum die Wasserleitung zu den Blättern verstopft, als Vorsorge für die Winterzeit. Und dennoch weist für mich der Herbst in seiner bunten Weise schon auf den kommenden Frühling und neuen Sommer in all seiner Farbenpracht hin: Der Winter mit seinen schwarz/weiß-, grau- und braun- Tönen ist nur ein Intermezzo, eine Zeit des Rückzugs, doch nichts ist verloren.

" Es knospt unter den Blättern, das nennen sie Herbst".

So schrieb die jüdische Dichterin Hilde Domin, geboren 1912, die zwei Weltkriege erlebt und das Naziregime in seinem ganzen Schrecken aus dem Exil heraus erfahren hat. Alles war entglitten, musste gelassen werden, Abschied an der Tagesordnung. Auch wenn ich die Situation heute sicher nicht mit Schreckensherrschaft von damals vergleichen kann, so leben wir doch in einer Zeit großer Veränderungen, so viele (menschengemachte) Schwierigkeiten werden sichtbar, das Morgen scheint ungewisser denn je. Abschied von manchen Sicherheiten steht an, von manchen Bequemlichkeiten, von Manchem, was für so normal und unverrückbar erschien. Wie wird die Zukunft werden? Auf alle Fälle nicht so wie die vergangenen Jahrzehnte. Wir müssen uns verändern, müssen wesentlicher werden, etwas für das Leben tun, trotz härteren Bedingungen. Da kann ich von den Bäumen im Herbst lernen. Sie zeigen mir aber vor allem: In jeder Veränderung und in allem, was ich verabschieden muss, liegt ein Neuanfang inne. Und so machen mir die bunten Blätter Mut, ebenso wie die Deutung von Hilde Domin: „Es knospt unter den Blättern, sie nennen es Herbst“.

*Aus: Hilde Domin, Sämtliche Gedichte, Frankfurt am Main 2010, S. 142.

Text und Bild: Carolin Augé, Pastoralreferentin SE St. Maria/Hl. Geist