Seelsorgeeinheit Sankt Maria / Heilig Geist
in Weingarten/Württ.

Offener Brief an den Bischof 

                                                                                                           Weingarten, den 30. Oktober 2017

  

Zukünftige Leitung katholischer Kirchengemeinden

  

Sehr geehrter Herr Bischof,

mit großem Interesse verfolgt unsere Seelsorgeeinheit St. Maria/Hl. Geist die diözesane Diskussion um die Zukunft unserer Kirchengemeinden. Wir haben über die „zukünftige Leitung katholischer Kirchengemeinden“ (vgl. Pressemitteilung v. 24.07.17) beraten; zuerst in unserer Ideenwerkstatt, einem Ausschuss des KGR und zugleich Prozessteam des diözesanen Projektes ‚Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten‘, und dann in einer gemeinsamen Sitzung unserer Kirchengemeinderäte.

Gegenstand der Beratung war vor allem die Aussage, dass „die derzeitige Praxis der Diözese eine tragfähige Grundlage“ auch für zukünftige Anforderungen sei. Die diözesane Praxis ist im Moment, dass ein Pfarrer, oft im Team mit hauptamtlichen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, und gewählte, ehrenamtliche Mitglieder verschiedener Gemeinden die Seelsorgeeinheit leiten (sog. „Rottenburger Modell“).

 Wir stellen uns die Frage, ob dieses Modell tatsächlich zukunftsfähig ist. Schon jetzt stehen unsere Gemeinden strukturell vor vielfältigen Problemen. Immer mehr Gemeinden werden zu immer größeren Seelsorgeeinheiten zusammengelegt. Von den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird ein Übermaß an Engagement und Verantwortung erwartet (unentgeltlich), das seither von hauptamtlichen Diensten geleistet wird bzw. wurde. Unser Anliegen ist ein gutes und fruchtbares Miteinander von haupt- und ehrenamtlich engagierten Menschen in den Gemeinden. Vom Zusammenwirken aller leben die Gemeinden, können so glaubwürdig die Botschaft Jesu erfahrbar machen und Menschen eine spirituelle Heimat ermöglichen.

Der Pressemitteilung des Diözesanrates vom 24. Juli 2017 ist zu entnehmen, dass Sie, Herr Bischof, eine Kirche, in der es „mehr Funktionäre als Gläubige“ gäbe, verhindern wollen. Diese Aussage befremdet uns sehr, mehr noch: Wir sehen sie im Widerspruch zu einer Haltung der Wertschätzung, die Sie im Prozess „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“ propagieren! Sie verletzt alle, die sich in unserer Kirche verantwortlich engagieren. Wer ist mit den „Funktionären“ gemeint? Sind Funktionäre nicht auch Gläubige? 

 In Zukunft werden viele Gemeinden ohne Pfarrer auskommen müssen.

Diese Umstrukturierung auf immer größere Seelsorgeeinheiten hat die Konsequenz, dass sich die gemeindliche Pastoral immer weiter von den Menschen weg bewegt. So wird Kirche distanziert und anonym erfahren. Aus einer Kirche, die früher vor Ort präsent war, wird morgen eine Kirche unüberbrückbarer Entfernungen. Diese pastorale Notsituation zwingt unseres

Erachtens., nach einer langen Zeit theologischen Nachdenkens und Ausharrens, endlich zu notwendigen grundsätzlichen Entscheidungen.

Dabei kann nur ein offenes und grundsätzliches Nachdenken in verschiedene Richtungen weiterhelfen. Wir unterstützen die Anregung von Papst Franziskus, zeitnah über die Weihe von viri probati nachzudenken (vgl. DIE ZEIT v. 9.3.17). Weiterhin halten wir es für dringend, den Pflichtzölibat aufzuheben und ebenso Frauen für kirchliche Weiheämter zuzulassen.

Heute ist es notwendig geworden, nochmals zukunftsbezogen nachzudenken und dann Entscheidungen zu treffen, um auch morgen in unseren Gemeinden eine Seelsorge leisten zu können, die direkt am Menschen orientiert ist. In einer notvollen Situation zeigt sich auch die Chance, neue Wege zu gehen. Scheinbar unverrückbare Traditionen müssen weiterentwickelt werden. Dazu erhoffen wir uns mutige Schritte.

Nur so können die kirchlichen Grundvollzüge gewährleistet und einer Anonymisierung der Gemeinden entgegengewirkt werden. Dass die sakramentale Grundstruktur ein Wesensmerkmal der katholischen Kirche ist, betonen Sie immer wieder, z. B. in Ihrer Predigt in der Chrisammesse am 10.04.2017.

Die Kirchengemeinderätinnen und -räte von St. Maria und Hl. Geist bitten Sie, einen Entscheidungsprozess zu fördern, der wahr nimmt, was sich schon heute in unseren Kirchengemeinden abzeichnet, und der zielführend darauf ausgerichtet ist, was in unseren Kirchengemeinden morgen pastoral notwendig sein wird.

In Sorge und Verantwortung für eine lebendige Seelsorgeeinheit St. Maria / Hl. Geist stellen wir uns auch die Frage, wie die Seelsorge in unseren Gemeinden künftig ohne Pfarrer weitergeht.

 

Mit freundlichem Gruß

Kirchengemeinderätinnen und -räte unserer Seelsorgeeinheit St. Maria / Hl. Geist:


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